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Die Grenze

Die nachfolgenden Informationen stammen zum Grossteil von Erwin Flach, der sich schon sehr lange mit der Historie beschäftigt.

Es gab wirklich eine Grenze - und sogar einen Schlagbaum unten am Zollhaus. Es muss mindestens 100 Jahre her sein, vielleicht im Anfang des 18. Jahrhunderts, da gehörte Preussisch Radmühl zum Regierungsbezirk Kassel und lag im Kreis Gelnhausen. Hessisch Radmühl wurde von Darmstadt aus verwaltet und lag im Kreis Lauterbach. Erst im Zuge der Gebietsreform, in den 70er Jahren, wurden beide Radmühls nach einigen Hin und Her der Grossgemeinde Freiensteinau im Vogelsbergkreis zugeordnet - der eine Teil sogar zwangsweise.

Am Bach Salz entlang verlief schon immer dazwischen die Grenze - von Norden nach Süden. Ganz früher besassen die Ysenburger Grafen die preussische Seite (links auf der Landkarte) und die Herren von Riedesel die hessische - rechts vom Salzbach. Am Bachlauf lagen 7 Mühlen. Kein Bauer hatte Land auf der anderen Seite des Salzbaches.

Nach dem zweiten Weltkrieg, wurde 1959 für beide Dörfer Radmühl erstmalig eine gemeinsame Schule gebaut. Noch einmal zehn Jahre später, Ende der 60er Jahre, schlossen sich dann die beiden Radmühler Feuerwehren zu einem Löschverband zusammen. Und 1975 gründete man den ersten gemeinsamen Sportverein. Bis in das Jahr 2006 hatten wir, obwohl inzwischen zusammen gewachsenen, immer noch zwei Ortsvorsteher. Bis heute gehören beide Teile unterschiedlichen Kirchenspielen an und haben auch getrennte Friedhöfe. Ob jemals ein “Hessisch Radmühler” neben einem “Preussisch Radmühler” seine letzte Ruhe finden wird, kann stark angezweifelt werden.

Wenn man nachts von Freiensteinau nach Radmühl fährt sieht man sofort was Hessisch und Preussisch ist. Beide Teile haben unterschiedliche Strassenbeleuchtungen. Nicht nur das, auch die Stromversorger sind unterschiedlich. Selbstverständlich haben beide Teile von Radmühl auch ihre eigene Wasserversorgung. Für den Notfall gibt es hier allerdings eine Querverbindung. So kann bei Ausfall der eine den anderen mit versorgen.

Manchmal konnten sie sich beide Teile gegenseitig auch nicht so recht leiden. Da hatte es schon Einiges an kleinen Feindschaften gegeben. So wird berichtet, dass sich früher die Kinder beider Teile an Fastnacht  an der Salz versammelten und gegenseitig mit Steinen beworfen haben. Noch heute gehen die Kinder nur in ihrem Teil an Fastnacht auf die traditionelle Tour von Haus zu Haus. Es ist auch noch nicht so lange her, da wurde das gemeinsam stattfindende Backhausfest der “Strickfrauen” jährlich abwechselnd in beiden Teilen abgehalten und das ohne Ausnahme.

Erwähnen sollte man noch, dass die “Strickfrauen” die ersten waren die den Schritt aufeinander zugingen, indem sie vor vielen Jahre  als erste gemeinsam einen Ausflug machten.